Leseproben
Goldrausch an der Loreley
Goldrausch an der Loreley [2]
"07:13 Zug des Todes"
"07:13 Zug des Todes" (2)
"Die frivolen Taten des Glöckners"
"Die frivolen Taten des Glöckners" (2)
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Leseprobe aus:
Goldrausch an der Loreley
Wie krampfhaft auch des Atems Not
Am Ende steht ein schlimmer Tod
Der Mann erwacht ganz langsam aus seinem Koma. Sein erster Eindruck ist Dunkelheit. Nacht? Sein Schädel brummt, schmerzt. Er versucht mit der rechten Hand seinen Hinterkopf abzutasten. Aber es gelingt ihm nicht. Ein Brett hindert ihn daran. Instinktiv versucht er es mit der linken Hand. Auch hier ein Brett. Er will sich aufrichten und stößt mit der Stirn gegen Holz. Wo zum Teufel bin ich? Sofort bricht Panik über ihn herein. Er will sich befreien. Sein Puls rast. Die Luft wird dünn. Atemnot treibt Angstschweiß in sein Gesicht.
Mit den Fingernägeln als Werkzeug will er sich in das Holz graben. Er muss einen Anfang finden. Immer wieder neue Kratzverssuche. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren. Kurz überlegen. Ist das nur ein böser Traum? Wach werden und alles wird gut. Aber er ist wach, hellwach. Seine Fingerkuppen bluten, die Fingernägel brechen. Die schier ausweglose Lage mobilisiert ungeahnte Kräfte in ihm. Vehement drückt er jetzt gegen die enge Behausung. Das Holz des Sarges bewegt sich nicht, nicht einen Millimeter. Flach atmen, das rationiert den Sauerstoff. Ausweglosigkeit übermannt ihn. Die absolute Stille verstärkt seinen Verdacht, er liegt in seinem Sarg. Unter der Erde. Klopfversuche. Dann Warten. Nichts. "Hiiilfe - Hiilfe - Hilfe - Hil - Hi - Hh - H." Der Mann glaubt immer noch an einen bösen Traum aus dem alten Rom, wo zur Zeit der Christenverfolgung die Menschen in großen mit Wasser gefüllten Eisenpfannen über das Feuer gestellt und gekocht wurden. Er weiß Bescheid über die grausame Methode, wo man Frauen wegen Verletzung des Gelübdes zur Keuschheit in unterirdischen Kammern lebendig eingemauert hatte. Auch im Mittelalter war diese Bestrafung unter dem Hochadel üblich, allerdings nur bei Frauen für Straftaten wie Ehebruch oder Kindsmord. Aber er ist sich bewusst, nicht mehr im Mittelalter zu leben. Wir sind doch schließlich im 21. Jahrhundert. Hätte man ihm doch ein Luftrohr in den Sarg verlegt, am besten mit einer Schnur, damit er durch Ziehen der Schnur eine Glocke auf dem Grab in Bewegung setzen könnte. Aber solch technischer Aufwand ist wohl zuviel verlangt. Wahnsinn schleicht ihn an, wird sein Genosse. Sein Gedächtnis spult einen Lebensfilm ab, seinen eigenen. Im Eiltempo. Kindheit, Jugend, Mannesalter, Erfolge, Niederlagen, gelebte innere Gefühle. Er verspürt seine zufriedene Geborgenheit im Mutterschoß, den erträglichen Schock seiner Geburt und die wundersame Entdeckung seines Atems, dann die endlose Liebe seiner Mutter. Er hört seinen ersten Schrei und registriert den süßen Schmelz der Muttermilch. Kindheitserinnerungen, Krabbelversuche, erste mühsam gelungenen Schritte, Spielzeugfiguren rauschen vorüber, die er kaum mehr erhaschen kann. Spätere Balgereien auf dem Spielplatz mit Buben und Mädchen. Ja, die Mädchen haben es ihm angetan. Schon in der Schule wirft er ein Auge auf sie. Und später erst. Oh Gott, ist das eine schöne Zeit. Große Gefühle kommen ins Spiel. Er erkennt, ohne Gefühle kann kein Mensch leben. Das Leben ist groß und schön. Die Entfaltungsmöglichkeiten gewaltig. Talente entdecken, eigene Lebensgestaltung mit dem Marshallstab im Tornister. Erfolge genießen und Enttäuschungen verkraften halten sich die Waage. Dann erlebt er noch einmal die Hitparade all seiner Missetaten. Ein alles verzehrender Schmerz macht eine Reise durch seinen gepeinigten Körper. Große Müdigkeit erzwingt Erschöpfung. Dann eine erneute Ohnmacht. Diese Ohnmacht ist gnädig, so gnädig wie die gleichgültige Erde über ihm. Der Schlummer des Todes schleicht ihn an. Noch atmet er flach und flacher. Die innere Rebellion hat sich ergeben. Tot. Das kümmert den übergroßen Vollmond nicht, der die gespenstische Friedhofsszene mattsilbrig überzieht.
An der Loreley wird Gold gefunden. Nicht an der Loreley, sondern in der Loreley, im Innern des Felsgesteins. So sagen es die Leute auf der Straße. Die frohe Kunde vom unerwarteten Reichtum geht in Windeseile durch den beschaulichen Ort St. Goarshausen und wechselt noch am gleichen Tag hinüber zur Schwesterstadt St. Goar. Hier wie dort und anderswo übt gefundenes Gold eine ungeheure Faszination aus. Es klingt wie sechs Richtige im Lotto. Nie mehr arm sein, ein schuldenfreies Leben führen, sich alle Güter dieser Welt leisten können. Sollen doch die anderen schuften, während wir an der Quelle sitzen. Und die wird verteidigt. Noch weiß niemand von den Vorgängen auf dem Friedhof.Gold bedeutet Kapital, ist Macht, Einfluss, unermesslicher Reichtum. Wenn auch der Januarfrost beißend unter die Kleidung kriecht und Unbehagen verursacht, so wird es doch ein heißer Winter im glücklichen Tal der Loreley. Die Autohändler in der Umgebung wundern sich über ein halbes Dutzend neue Kunden aus der Loreley-Region. Es werden verstärkt Möbelkäufe registriert. Und manch mutiger Jüngling möchte die baldige Gründung einer Familie vorantreiben. Andererseits geistern in einigen Männerköpfen Trennungsabsichten von ihren zänkischen Frauen, während Ehefrauen wiederum Chancen wittern, sich unabhängig zu machen von ihren alkoholisierten Männern.Es wird bald in diesen beiden Orten und in der gesamten Region keinen Gerichtsvollzieher mehr geben. Der wird arbeitslos werden. Aber das lässt den Gerichtsvollzieher kalt angesichts der verlockenden Goldaussichten. Die Bürger zahlen ihre Steuern ohne Murren, ja sogar mit einem Lächeln auf den Lippen.
An den Stammtischen gibt es nur noch ein Thema. Gold, pures Gold. Es klingt wie im Märchen. Die Menschen am Rhein können ihr Glück nicht fassen. Der "Goldene Löwe" von St. Goar, ein honoriges Hotel an der Rheinfront, ist Treffpunkt überglücklicher Bürger. Küche und Keller werden gefordert. Sofort wird das Personal aufgestockt, damit die Gäste bestens versorgt werden können. Welch ein Glück, dass der Hotelier den Obermeier eingestellt hat. Der Wirt muss vorzeitig die Tür zusperren wegen Überfüllung. "Heute geschlossene Gesellschaft" und morgen ist schon wieder "geschlossene Gesellschaft." Übermorgen ebenfalls. Das Schicksal entschädigt die St. Goarer Hansengesellschaft sogar für den am Sonntag, dem 5. Mai 1996 geraubten Hansebecher, den der Landgraf Ernst von Hessenrheinfels im Jahre 1683 gestiftet hatte. Der größte Kunstraub aller Zeiten in St. Goar erfährt jetzt seine materielle Entschädigung durch die schicksalhafte Entdeckung von Goldvorkommen im Innern des sagenumwobenen Loreleyfelsens. Das zweite Paradies war nie so nah. Doch so friedlich und paradiesisch wie die Tage zu Adam und Eva ist die Welt von heute wahrlich nicht mehr. Zwar gibt es noch Paradiesvögel, auch in dieser Geschichte. Doch die haben es meist faustdick hinter den Ohren.
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